Demenz: Gesichter voll Leid – und Würde

Köln – „Wer solche Bilder malt, hat Hochachtung und Ehrfurcht vor den Menschen, die er malt.“ Der neue Kölner Sozialdezernent Dr. Harald Rau brachte wie später der frühere Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf auf den Punkt, was auch die Zuhörer empfanden: Diese Gesichter, diese Lebensgeschichten rühren an, gehen unter die Haut.
„Gesichter der Demenz“ heißt die Ausstellung, die die Deutsche Stiftung für Demenzerkrankte in Kooperation mit dem Domforum in dessen Räumlichkeiten vis-à-vis der Kathedrale zeigt (siehe Infotext). Sie bietet nicht nur acht große, ausdrucksstarke Aquarellporträts demenzerkrankter Menschen des niederländischen Malers Herman van Hoogdalem, sondern auch eine eindrucksvolle Filmdokumentation des Schriftstellers und Journalisten Gijs Wanders.

Über Scherf, Schirmherr der Stiftung mit Sitz in Köln, kam der Kontakt zu den beiden niederländischen Künstlern zustande. Vor zwei Jahren stellten sie im Bremer Rathaus aus – und Scherf war begeistert. Deshalb kam er gern nach Köln, um am Mittwochabend gemeinsam mit Hoogdalem und Wanders deren Installation der Öffentlichkeit vorzustellen.
Dass die Künstler die Veränderungsprozesse, die mit einer solchen Erkrankung einhergehen, so treffend erfassen, hat einen sehr privaten Grund: Beide haben in der engsten Familie Demenz hautnah erlebt – Hoogdalem bei seiner Mutter, Wanders bei seinem Vater.
25 Jahre nach dem Tod der Mutter, deren Leiden, deren Gesicht „sich in meine Netzhaut gebrannt hatte“, begab sich der Maler noch einmal in das Wohnheim, in dem sie gepflegt wurde. Und er begann, Gesichter ihrer Leidensgenossen in den verschiedenen Stadien der Erkrankung festzuhalten. Hoogdalem: „Ich versuche, die vielen Gesichter dieses Prozesses zu zeigen: die Verzweiflung, das Leiden, die Unsicherheit, den Schmerz, die Stille, die Leere, die Loslösung vom Irdischen, die Resignation und alles, was Wörter nicht erfassen können.“ Und die Kraft und Würde, die diese Gesichter auch ausstrahlen.
Van Hoogdalems Arbeit inspirierte Wanders, die Porträtierten, deren Angehörige, aber auch Pfleger zu interviewen, um sich in die tieferen Gefühle der betroffenen Familien versetzen zu können. Die Kurzvideos, in denen auch Wanders’ eigene Familie zu Wort kommt, werden im Domforum gezeigt.
Sehr persönlich hätten die Künstler deutlich gemacht, wie sie über Emotionen einen neuen Zugang zu den Erkrankten gefunden hätten, sagte Scherf. Er hält Demenz für ein Thema der Gesamtgesellschaft, die lernen müsse, „respektvoll vertraut“ mit den Betroffenen zu werden. Dass Demenz schon längst „unseren Alltag“ erreicht hat, betonte auch Sozialdezernent Rau. In Köln, schätzt er, seien mindestens 30 000 Menschen von dieser Krankheit betroffen. Deutlich mehr als die Hälfte werde nach dem Wissensstand der Stadtverwaltung ambulant, also zu Hause, versorgt. So lange wie möglich in der vertrauten Umgebung zu bleiben, sei gerade für Demente sehr wichtig, so Scherf. Sollte der Umzug in ein Heim notwendig werden, wünscht er sich mehr überschaubare Unterkünfte mit zehn bis zwölf Plätzen in der Nachbarschaft als riesige Heime.

Bron